Indien im Schwarzwald

Indien im Schwarzwald
04/09/2011

 

Bad Antogast im Maisachtal drohte zu verfallen. Dann kam ein Guru aus Indien und erkor das Anwesen zum Sitz seiner Bewegung.

 

Oben, wo es fast nicht mehr weiter geht, klemmt ein Haus zwischen den Hügeln. Ein sperriges Etwas, das sich in das Grün des Schwarzwaldes hineinschachtelt. Eigentlich dürfte das Haus hier gar nicht stehen, viel zu groß ist es und viel zu mondän: Die Eingangstreppe, breit und ausladend, führt unter Arkaden hindurch, in einen kleinen Innenhof hinein, der fast schon bieder ist – mit Geranien vor den Fenstern, weißen Schindeln an der Fassade und einem Adler aus Sandstein in der Mitte.

 

Drinnen ist es vorbei mit der Ruhe, Türen gehen auf und zu, von überall her kommen Menschen. Sie gehen hinunter in den großen Saal. Zwei-, vielleicht auch dreihundert Menschen setzen sich auf den Boden. Sie singen, warten, schauen nach vorne, wo getrommelt wird. Und wo ein kleiner bärtiger Mann in einem Sessel sitzt. Hinter ihm wallt goldener Stoff von der Decke. Die Augen des Mannes sind geschlossen, er sitzt nur da. Es vergehen Minuten, dann plötzlich: Musik aus, Scheinwerfer an und Augen auf.

 

Sri Sri Ravi Shankar heißt der Mann im Sessel. Nicht zu verwechseln mit dem bekannten Sitarspieler desselben Namens. Sri Sri Ravi Shankar ist Inder und ein Guru. Darum das doppelte Sri, heilig, vor seinem Namen, ein Ehrentitel, den nur wenige spirituelle Führer verliehen bekommen. Alle paar Monate reist er nach Bad Antogast bei Oppenau, in das enge Maisachtal, ein Seitental des Renchtals, denn dort steht das europäische Zentrum von "The Art of Living", einer Bewegung, die er vor fast dreißig Jahren in Indien gegründet hat.

 

Wenn der Guru da ist, scheint das ohnehin viel zu enge Tal aus allen Nähten zu platzen. Geparkt wird unten im Tal auf einer Wiese, die Autos stehen dicht an dicht, ihre Länderaufkleber lesen sich wie die Mitgliederliste der Europäischen Union: Frankreich, Niederlande, Spanien, Polen, Österreich, Großbritannien, Tschechische Republik.

 

Während Sri Sri Ravi Shankar seinen Kopf nach rechts und links dreht, kommt nur ein dahin gelächeltes "hmh?" über seine Lippen. Kurz danach ein väterliches "Seid ihr müde von der langen Reise?" "Nein", kommt von überall her. Gelächter, Gekicher, dann wieder Gesang. Als die Musik erneut aussetzt, wird es ernst. Denn einige Leute sind mit Fragen nach Bad Antogast gekommen. Ein Körbchen geht herum, wer Rat sucht, legt einen Zettel hinein: Ob man an einen Gott und einen Guru gleichzeitig glauben dürfe, will einer wissen. Eine Frau schreibt, dass ihr Mann sie betrüge. Sie frage sich, ob sie ihn verlassen oder ihm noch eine Chance geben soll. Als Sri Sri Ravi Shankar die Frage hört, lacht er erst einmal. Überrascht, dass ausgerechnet er, der im selbstauferlegten Zölibat lebt, so eine Frage beantworten soll. Trotzdem tut er es – ausführlich, allerdings ohne konkretes Ja oder Nein.

 

Sechzehn Jahre ist es jetzt her, dass Sri Sri Ravi Shankar seine deutschen Anhänger darum bat, Räumlichkeiten für ein europäisches Vereinszentrum zu suchen. Einer von ihnen war Eberhard Baumann, der Sri Sir Ravi Shankar schon kannte, als er noch kein Guru war. Sondern nur Pandit, ein Gelehrter in den vedischen Schriften. Ein Freund, berichtet Baumann, habe ihm von einer großen Immobilie mitten im Schwarzwald erzählt. Ein altes Kurhotel oder so etwas. Sie kamen, um es sich anzusehen. Ein kleiner Trupp von Vereinsmitgliedern, in ihrer Mitte Sri Sri Ravi Shankar.

 

In Sandalen und mit Schal vor Nase und Mund stieg er über den Schutt, erzählt Baumann: "Überall war Dreck. Die Wand über dem Innenhof hielt nur noch, weil sie an Seilen und Ketten hing." In den Zimmern Kartons, Flaschen, TV-Geräte und Stahlbetten aus dem Zweiten Weltkrieg. Schichten von Teppichen übereinander geklebt. Die wenigen Toiletten hatte der winterliche Frost fast alle zerrissen. "Den 60 000 Liter großen Öltank im Keller hat der Eigentümer vor uns nicht mehr füllen können", so Baumann. Nach dem Rundgang dachte keiner mehr an Kaufen. Mit Ausnahme des Gurus. "Go ahead, buy it.", hat er Baumann drei Mal zugeflüstert.

 

Und Baumann hat gekauft. Seither wird der riesige Komplex ununterbrochen renoviert. Von Freiwilligen, die von überall her kommen. Die ersten traf es besonders hart, erinnert sich Baumann: "Bei acht Grad unter null haben sie drauf los tapeziert: Damit die Tapete mit üppig Blumen drauf auch kleben blieb, wurden die Zimmerwände mit Gasheizern so lange angetaut, bis die Eiskristalle verschwunden waren." Bereits im Januar sollte das erste Fest stattfinden. "Und dafür sollte wenigstens ein Raum nach was aussehen", so Baumann.

 

Heute wird im Quellensaal gefeiert, dessen Decke von zehn dunklen Säulen mit rosafarbenen Verzierungen getragen wird. An der Wand ein Fresko mit Seepferdchen und Meerjungfrau, daneben ein Brunnen aus Sandstein. Rundrum viele Fenster, einige stehen offen und lassen das, was drinnen an Hare Krishna und Halleluja gesungen wird, nach draußen, wo im Garten hinter seinem Haus ein Mann mit Hut und in blauer Arbeitshose Bohnen pflückt.

 

Karl Huber ist Landwirt. Und seit 16 Jahren der Nachbar von "Die Kunst des Lebens". Als ein Pulk Inder in bunten Saris vorbeiläuft, nickt er ihnen freundlich zu und meint dann: "Indien mitten im Schwarzwald. Das ist doch was." Huber kommt ins Erzählen. Früher sei das da drüben ein nobles Kurbad gewesen, selbst der Zar Alexander II. sei während eines Kuraufenthaltes in Bad Peterstal hierher gekommen, um im Speisesaal einen Kakao zu trinken. Und vielleicht einen Schluck Sauerwasser, das – so schrieb schon der Freiburger Hofgerichtsadvokat Joseph Zentner 1827 in einem Büchlein über das Renchtal und seine Bäder – "ganz besonders bei offenen und bei schlecht geheilten Wunden, Verhärtungen, Gliederkrankheiten, Verschleimungen, allen Arten von Hautkrankheiten, von heilsamer Wirkung ist".

 

Dass Bad Antogast einst Kurbad war, drückt nicht nur das vorangestellte "Bad" aus, sondern auch der Wortteil "Gast": Das sei früher als Synonym für Gischt Sprühen, Zischen, Quirlen, Gären verwendet worden, schreibt Josef Börsig in seiner Geschichte des Oppenauer Tals. Aber es gibt noch eine zweite Leseart: In Verbindung mit dem ersten Teil des Wortes heißt der Name "Antogast" so viel wie "Gast des Antoni". Börsigs These: Um 1300 muss für den Einsiedler St. Antonius in diesem Talwinkel eine Kappelle errichtet worden sein. Der sei nicht nur der Patron der Viehzüchter gewesen, sondern auch der mittelalterlichen Kranken- und Siechenhäuser. Möglicherweise ein Hinweis, dass die Menschen schon damals über die Wirkung des Wassers Bescheid wussten.

 

Zum internationalen Szenetreff wurde Bad Antogast freilich erst sehr viel später: Das Kurhaus, umgeben von einer Terrasse, sei ganz im modernen Stile erbaut, schreibt der Besitzer Max Huber 1911 etwas großspurig in einer Jubiläumsschrift. Der prachtvolle Speisesaal fasse mehr als 300 Personen. Direkt daneben: der Damensalon mit Pianino. Frühstückssäle, Schreibzimmer, Lesesalon. 1914 aber muss Huber verkaufen. Neuer Besitzer ist die Krankenkasse Mannheim, vier Jahre später die Landesversicherung des Landes Baden, die dort eine Lungenheilanstalt einrichtet.

 

Nach dem Zweiten Weltkrieg wird das frühere Modebad ein Aufnahmelager für Flüchtlinge – unter anderem für Menschen aus der früheren DDR und Ungarn. Dann, 1964, ein neues Konzept: Ein Arzt aus Bad Wildungen lässt das heruntergekommene Gebäude wieder aufhübschen, um Ferien- und Ausflugsgäste anzulocken. Unter anderem mit Tanzveranstaltungen bei Kaffee und Kuchen. Bereits in den Achtzigern funktioniert das nicht mehr.

 

1990 wieder ein Wechsel. Der neue Besitzer quartiert Spätaussiedler ein. Bis das marode Kurhotel erneut verkauft und aus ihm die Akademie Bad Antogast wird – die nicht nur europäisches Vereinszentrum von "The Art of Living" ist, mit Yoga- und Meditationskursen, sondern auch ayurvedische Behandlungen anbietet. Stressmanagement- und Schönheitsanwendungen inklusive.

 

Oben im ersten Stock liegt einer der Übungsräume. Beim Betreten bleibt man mit den Augen erstmal im Grünen hängen. So dicht kommt der Wald ans Haus heran. Der Raum selbst ist hell, viel Pastell und Wollweiß, vorne stehen eine Vase mit Blumen und ein orangenes Salzsteinlicht. Zwei Schüler sind es dieses Wochenende. Und eine Lehrerin, Gerlinde. Die Körperübungen kommen ohne schmerzhafte Verdrehungen und umständliche Choreografie aus, durchbewegt fühlt man sich am Ende trotzdem. Weiter geht es mit der Atmung. Langsam, ruhig und hinten in der Kehle soll geatmet werden, bis ein ganz leises Schnarchen zu hören ist. Den Rhythmus gibt Gerlinde vor, einatmen, Atem anhalten, ausatmen und wieder anhalten.

 

Geredet wird auch, immer wieder über Sri Sri Ravi Shankar, wer er ist, was er sagt. Am zweiten Tag sitzt nicht nur der Kopf locker, sondern auch die Gefühle. Tränen fließen und spülen andere Themen in die Runde. Von Krebs und Tod ist die Rede, irgendwann auch wieder vom Weiteratmen. Sudarshan Kriya heißt die von Sri Sri Ravi Shankar während einer Tiefenmeditation erfahrene Atemtechnik, mit der die Welt entstresst werden soll. Die vom Guru in die Kunst eingeführten Lehrer unterrichten weltweit, auch in Gefängnissen und Problemvierteln. Selbst die Weltbank schickt ihre Mitarbeiter auf Atem-Schulung. 150000 Stressbewältigungs-Workshops für mehr als 5,6 Millionen Menschen seien es in den vergangenen dreißig Jahren gewesen, so die Bilanz von "The Art of Living".

 

Gerlinde Rappenecker, wie sie vollständig heißt, von Beruf Krankenschwester, ist im Vorstand des Vereins, seit 1995 kommt sie nach Bad Antogast. Sie verstehe jeden, der mit dem Begriff Guru ein Problem habe, sagt sie. Ihr sei es anfangs nicht anders ergangen "Bis ich verstanden habe, dass ein Guru wie Sri Sri Ravi Shankar nichts von mir will, sondern einfach nur ein Lehrer der Spiritualität ist." Schließlich meine der aus dem Sanskrit kommende Begriff Guru nichts anderes als "von der Dunkelheit ins Licht führen" Was aber macht Ravi Shankar zum Guru? Dass er bereits als Vierjähriger – so wird erzählt – die Bhagavad Gita, das Grundlagenwerk des vedischen Wissens, rezitierte? Oder dass er nach seinem Studium in vedischer Literatur und Physik von Maharishi Mahesh Yogi, dem Guru der Beatles, eingeladen wurde, um Vorträge zu halten?

 

Sri Sri Ravi Shankar selbst misst der Frage nicht allzu viel Bedeutung bei. "Irgendwann habe ich angefangen zu unterrichten. Und irgendwann haben mich die Leute Guru genannt", so sein knappes Statement bei einer fünfminütigen Privataudienz oben unterm Dach, wo er sich in ein weißes Sofa kuschelt. Die Beine sind angezogen. Neben ihm eine Schale mit grünen Trauben. Er lächelt, ist aufmerksam, ist bei einem.

 

Anfänglich irritierte der Andrang die Leute im Tal. Wenn mit dem Guru Hunderte von Menschen anrückten, wurde unten über den "Sektebuckel" getuschelt. Heute kommt Sri Sri Ravi Shankar auch mal zum Neujahrsempfang in die Oppenauer Günter-Bimmerle-Halle, um zusammen mit Bürgermeister Thomas Grieser und den beiden Pfarrern die Riesenbrezel anzuschneiden. Wird oben ein Jubiläum gefeiert, pilgert die Lokalprominenz auf den Berg. Auch um der Akademie zu danken, immerhin wäre das Gebäude samt staatlich anerkannter Heilquelle längst Ruine, hätte es der Verein nicht über Jahre hinweg renoviert. Ganz zu schweigen von den wirtschaftlichen Vorteilen: Jährlich werde in Oppenau ein Viertel der Gästezimmerkapazitäten von den Besuchern der Akademie Bad Antogast genutzt, so Bürgermeister Grieser. Und die Lebensmittel und Haushaltsprodukte beziehe der Verein vor allem von lokalen Lieferanten. Das trage zu einer nicht unerheblichen Kaufkraft in der Region bei. Man mag sich. Und nicht nur der Guru mag den Schwarzwald. Im vergangenen Sommer folgte der damals 101-jährige Yogi Swami Yogananda der Einladung von Sri Sri Ravi Shankar nach Bad Antogast. Im schneefreien Himalaya sehe es ganz ähnlich aus, sagte er, als er das enge Maisachtal hinaufchauffiert wurde.

 

Veröffentlicht in der gedruckten Ausgabe der Badischen Zeitung.

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